Mehrere Windräder im Meer. © Adobe Stock / dragancfm

Nordseegipfel erzielt große Erfolge für Europas Energieversorgung

Die Nordsee wird zum Kraftwerk für ein energieunabhängiges Europa. Bis zu 100 Gigawatt Offshore-Wind-Erzeugungskapazität sollen bis 2050 grenzüberschreitend vernetzt werden. Als Meilenstein für die europäische Energiezusammenarbeit gilt die deutsch-dänische Vereinbarung zu Bornholm Energy Island.

Sie misst 1.120 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und 1.001 Kilometer in West-Ost-Richtung und endet an den Ufern von Großbritannien, Norwegen, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Frankreich: Die Nordsee wird in den kommenden Jahren weiter zum grünen Kraftwerk für ein energieunabhängiges und sicher mit Energie versorgtes Europa ausgebaut. Das haben die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs sowie Energieministerinnen und -minister von neun europäischen Staaten auf dem 3. Nordseegipfel Ende Januar in Hamburg beschlossen.

Sie waren auf Einladung der Bundesregierung zusammengekommen, um über den Ausbau der Windenergie in der Nordsee und die Stärkung der Offshore-Branche insgesamt zu beraten. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Stärkung der regionalen Koordination und der Finanzierung des Ausbaus von Offshore-Windparks sowie der dazugehörigen Stromnetze. Neben Belgien, Dänemark, Frankreich, Irland, Island, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und dem Vereinigten Königreich folgten auch die Europäische Kommission, die NATO und mehr als 140 Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen der Einladung in die Hansestadt.

Als flaches Schelfmeer mit geringen Wassertiefen, starken und beständigen Winden, viel Platz und guten Voraussetzungen für den Netzanschluss der Anrainerstaaten eignet sich die Nordsee hervorragend für den Ausbau der Offshore-Windenergie. Durch den vermehrten Bau sogenannter Kooperationsprojekte (Offshore-Windparks mit Stromanbindung an mehr als ein Land oder einer radialen Anbindung an ein anderes Land) können bestehende Flächen effizienter genutzt, Kosten reduziert und die Resilienz des Energiesystems verbessert werden. Mehr als 100 Gigawatt (GW) grenzüberschreitende Erzeugungsleistung sollen so in den kommenden Jahren grenzüberschreitend vernetzt werden. In einem gemeinsamen Investitionspakt zwischen Nordsee-Staaten, Offshore-Windindustrie und Übertragungsnetzbetreibern haben sich alle Beteiligten dafür auf Maßnahmen verständigt, um diese gemeinsame Vision des Nordseeraums als weltweit größtes Drehkreuz für saubere Energie zu realisieren.

Mehrere Politiker sitzen an einem runden Tisch zusammen. © BMWE

Unter anderem streben die Nordsee-Staaten die Sicherstellung einer stabilen Pipeline von Offshore-Wind-Ausschreibungen mit dem Zielwert 15 GW jährlich über das Jahr 2030 hinaus an und geben der Windenergie- und Netzindustrie damit Planungs- und Investitionssicherheit. Basierend darauf verpflichtet sich die Branche dazu, die Stromgestehungskosten (die durchschnittlichen Gesamtkosten pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) Strom über die gesamte Lebensdauer einer Anlage) bis 2040 um 30 Prozent zu reduzieren, in Europa bis 2030 rund 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Die dafür gefassten Beschlüsse wurden in mehreren Erklärungen und zwischenstaatlichen Abkommen festgehalten. Die einzelnen Erklärungen finden Sie hier.

Anlässlich des Gipfels stellte Deutschland zudem eine Kooperationsstrategie vor, die die notwendigen regulatorischen Rahmenbedingungen auf nationaler, regionaler und EU-Ebene für einen grenzüberschreitenden Ausbau der Offshore-Wind-Energie durch eng abgestimmte Planung und gemeinsame Finanzierung der Netzinfrastruktur darlegt.

Viele Personen und Politiker sitzen in einem Saal zusammen, während auf der Bühne eine Diskusion stattfindet. © BMWE

Als besonderer Meilenstein gilt die zwischen Deutschland und Dänemark getroffene Vereinbarung zur Investition in Bornholm Energy Island. Das erste grenzüberschreitende Projekt seiner Art soll Europas Energieunabhängigkeit erhöhen, Innovation vorantreiben und Resilienz in Zeiten geopolitischer Herausforderungen schaffen. Die dänische Nordseeinsel Bornholm dient dabei als zentrales Einspeisedrehkreuz, an dem Strom von Offshore-Windparks in der Nähe von Bornholm gesammelt und über Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) nach Dänemark und Deutschland geleitet wird. Bornholm Energy Island ist eine von acht zentralen “Energieautobahnen“, die von der Europäischen Kommission als vorrangig eingestuft wurden. Das Projekt wird die weltweit erste HVDC-Hybridverbindung mit mehreren Terminals sein.

„Mit einer zusätzlichen Gesamtkapazität von drei GW Offshore-Windanlagen, die an Dänemark und Deutschland angeschlossen werden, liefert die Energy Island verlässliche Elektrizität, um etwa drei Millionen Haushalte zu versorgen“, erklärte Dänemarks Energieminister Lars Aagaard. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lobte das Kooperationsprojekt als „Flaggschiff europäischer Kooperation und ein strategisches Projekt für unsere gemeinsame Sicherheit“. „Damit senden wir ein klares Signal: Europa handelt geschlossen, souverän und vorausschauend“, so Reiche.

Der 3. Nordsee-Gipfel wurde von den beteiligten Staaten als großer Erfolg und bedeutsam für die europäische Energiepolitik wahrgenommen. Ihm waren bereits ein Gipfeltreffen 2022 in Dänemark (wir berichteten) und ein Gipfel 2023 in Belgien vorausgegangen, auf welchen sich die Teilnehmerstaaten als Reaktion auf den völkerrechtswidrig russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die dadurch ausgelöste Energiekrise auf einen ambitionierten Ausbau von Windenergie auf See im Nordseeraum verständigt hatten.

Deutschland wird im Nachgang des 3. Gipfeltreffens 2026 die Co-Präsidentschaft der Nordsee-Energiekooperation (NSEC) übernehmen und will in dieser Rolle die Umsetzung der Beschlüsse des Gipfels konsequent vorantreiben.

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